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- zurück - Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

BARGFELDER BOTE 242, Juli 1999, S.11-14

Friedhelm Rathjen
Fouqués Flaschenpost in die Südsee
Eine Miszelle aus der Welt des Übersetzens

Um Plagiatsfragen braucht sich ein Übersetzer ja eigentlich nicht zu scheren: seines Amtes ist es, einen quellsprachlichen Text in einen zielsprachlichen zu verwandeln, und zwar so getreu wie möglich. Wenn der quellsprachliche Text selbst schon irgendeine Fremdquelle ausschöpft, ändert das an dem Übersetzungsprozedere überhaupt nichts. Etwas anders freilich liegt der Fall, wenn der Übersetzer ganz nebenbei noch einen editorischen Apparat zu erstellen hat; dafür sind Hintergrundrecherchen naturgemäß unerläßlich. So hatte ich denn ein Problem, nämlich bei der Arbeit an Robert Louis Stevensons Erzählung "Der Flaschenkobold" für den Band "Der befremdliche Fall von Dr. Jekyll & Mr. Hyde". Stevenson hat seiner Erzählung nämlich einen "Hinweis" vorgeschaltet, dessen erster Satz so lautet: "Jeder Kenner jener höchst unliterarischen Hervorbringung. des englischen Theaters zu Beginn des [neunzehnten] Jahrhunderts, wird hier Titel und Grundidee eines Stückes wiedererkennen, das einst durch den berühmt-berüchtigten O. Smith zu einiger Beliebtheit gebracht wurde."1 Wer um alles in der Welt war "O. Smith"? Otto Schmidt, anglisiert? Autor? Theatermann? Von wem stammte das Stück, das Stevenson meinte? Hier mußte Aufklärung her.

Glücklich fügte es sich, daß Stevensons "Flaschenkobold" (in früheren Übersetzungen meist "Flaschenteufelchen" geheißen) größtenteils auf Hawaii spielt und ich deshalb Veranlassung sah, den ex-Hawaiianer Thomas Ringmayr nach ein paar Details zu fragen. Ringmayr machte mich darauf aufmerksam, daß der Stoff der Erzählung ganz offensichtlich auf Fouqués "Geschichte vom Galgenmännlein" (1810) zurückgeht. Der Griff nach Fouqués "Romantischen Erzählungen" brachte mir Bestätigung. Gerhard Schulz spricht im Nachwort von Fouqués Einfluß "auf Keats, Walter Scott, Edgar Allan Poe und Robert Louis Stevenson"2 und nennt in der Bibliographie zwei Titel, die diesen Sachverhalt feststellen.3 In seinem Kommentar ist er allerdings vorsichtiger: "Möglich ist [...] der Einfluß auf Robert Louis Stevensons Das Flaschenteufelchen (The Bottle Imp), das zuerst 1892 veröffentlicht wurde."4 Diese Vorsicht ist berechtigt, denn weder war Fouqué englischer Theaterautor, noch benutzte er das Pseudonym "O. Smith". Es mußte Zwischenträger geben.

Tatsächlich hat Fouqués Erzählung eine erhebliche fortzeugende Wirkung entfaltet. Schulz erwähnt E. T. A. Hoffmanns "Geschichte vom verlornen Spiegelbilde" (1814) sowie den Wiener Theaterdichter Ferdinand Rosenau, der das "Galgenmännlein" 1817 unter dem Titel "Vizlipuzli" dramatisiert hat.5 Arno Schmidt spielt offensichtlich im "Pharos" auf diesen Stoff an ("Dank, mein großer weißer Vitzliputzli; schönen Dank, Du - Teufel ! ! -"6), doch meine Hoffnung, der große Spezialist sowohl für Fouqué als auch für Plagiatsfragen werde diesen Fall lösen können, war vergebens. In "Fouqué und einige seiner Zeitgenossen" identifiziert Schmidt beim "schnellfingrige[n] Zschokke" (zu dem Thomas Ringmayr wiederum einiges zu sagen wüßte) eine Verwurstung des "Galgenmännleins", ein Vorwurf, den er in "Die Meisterdiebe" wiederholt.8 Außerdem erfahren wir recht pauschal, das "Galgenmännlein" sei "eine wichtige Stufe in der Reihe der Geschichten vom "Flaschenteufelchen'"9 - dies ist noch die größte Näherung an einen Konnex Fouqué - Stevenson, die sich bei Schmidt findet. Dabei muß Schmidt Stevensons Geschichte doch gekannt haben: in seiner Bibliothek findet sich ein Band mit "Ghost Stories", in dem der Stevenson-Beitrag (ich vermute: es ist der "Bottle Imp") durch ein Lesezeichen markiert ist10, und in der "Tina" heißt es beziehungsreich: "In der Tausendstundenuhr ringelreihten frohlockend die glitzernden Flaschenteufelchen."11

Nun denn: von Schmidt schnöde im Stich gelassen, mußte ich notgedrungen andere Fährten verfolgen. In einem älteren Stevenson-Sammelband fand ich den seltsamen Hinweis: "Die Anregung zu dieser Erzählung empfing Stevenson aus einem Dramentext von Fitzball, den er von der Schwiegertochter des Dichters Percy Shelley erhalten hatte. In Honolulu änderte er die Geschichte entsprechend den Anschauungen der Südseeinsulaner."12 Damit war ich nun endlich beim englischen Theater in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelangt, einer - da harte Stevenson schon recht - äußerst dubiosen "Hervorbringung"' die deswegen auch bibliographisch keineswegs ordentlich aufgearbeitet ist. Der Mann mir dem putzigen Pseudonym Eduard Fitzball hieß eigentlich Edward Ball, lebte von 1793 bis 1873 und verfertigte neben Romanen, Lyrikbänden und einer Autobiographie mindestens 150 Theaterstücke vornehmlich der effekthascherischen Machart, so etwa eine Fassung des "Fliegenden Holländers", die vor allem durch pyrotechnische Exzesse Riesenerfolg hatte. Eine Massenproduktion, wie Fitzball sie betrieb, war natürlich nur erreichbar, indem er ebenso eilfertig wie rücksichtslos andere Autoren beklaute - besonders an französischen Theaterautoren hat er sich entsprechend vergangen. Es scheint daher folgerichtig, daß er auch Resonanz "Vizlipuzli" geklaut haben könnte; die Plagiats- und Bearbeitungsreihe hieße dann Fouqué - Rosenau - Fitzball - Stevenson. Sollte es so gewesen sein?

Dieses Zwischenresultat meiner Recherche hatte bloß einen Schönheitsfehler: es war nirgends eine Spur von "O. Smith" auszumachen. Aufklärung brachte am Ende dann erst ein Hinweis auf die Monographie "The Prose Writings of Robert Louis Stevenson" von Roger G. Swearingen, der darin ein Melodram namens "The Bottle Imp" nachweist, geschrieben von einem glücklich vergessenen Richard Brinsley Peake und uraufgeführt 1828 in der Englischen Oper. Einer der Hauptdarsteller in der Uraufführung war ein gewisser Richard John Smith, dem eine frühere Rolle den Spitznamen "Obi Smith" eingetragen hatte.13 Berühmtberüchtigt, soso.. . Für meine Stevenson-Übersetzung war damit alles geklärt: "O. Smith" war in der Tat maskulin (hätte ja auch z.B. eine Schauspielerin sein können), und im Anmerkungsapparat gab's ein Dutzend Zeilen mehr. Für den detektivischen Aufklärer literarischer Meisterdieberei allerdings ist der Fall noch keineswegs restlos geklärt. Wir hätten folgende "Reihe der Geschichten vom ,Flaschenteufelchen'":

  • Fouqué' "Geschichte vom Galgenmännlein" (1810)
  • Hoffmann, "Geschichte vom verlornen Spiegelbilde" (1814)
  • Rosenau, "Vizlipuzli" (1817)
  • Zschokke, "Hermingarde"
  • Fitzball, ???
  • Peake, "The Bottle Imp" (1828)
  • Stevenson, "The Bottle Imp" (1891)

Gewiß ist, daß Hoffmann, Rosenau und Zschokke direkt auf Fouqué zurückgehen; gewiß ist auch die Abhängigkeit Stevensons von Peake. Was aber ist dazwischen passiert? Ist Fitzball der Zwischenträger, der die Lücke zwischen Fouqué und /oder Rosenau und Peake überbrückt? Oder steht Fitzball womöglich doch noch zwischen Peake und Stevenson? Ich weiß es nicht, wäre aber für jeden weiteren Hinweis dankbar. Noch ist die Sachlage nicht so kompliziert, daß sie sich nicht gegebenenfalls noch weiter verkomplizieren ließe. Gewiß scheint mir aber noch eins, nämlich, daß es eine ununterbrochene Linie von Fouqué zu Stevenson gegeben haben muß. Zwar gibt es auch anderswo in der literarischen wie auch der Volksüberlieferung allerlei Flaschengeister, so etwa bekanntermaßen in den "Erzählungen aus tausendundeiner Nacht", die Stevenson gut gekannt und breit rezipiert hat, doch sowohl bei Fouqué als auch bei Stevenson finden sich in der Gestaltung des Stoffes drei signifikante Elemente, deren Übereinstimmung kein Zufall sein kann:

  • Die Flasche mir dem Galgenmännlein / Geist / Kobold, die den Besitzer, falls er stirbt, dem Teufel überantwortet, kann nur gegen Münze und zu einem Preis weiterverkauft werden, der unter dem Erwerbspreis liegt.
  • Gegen Ende beider Erzählungen erfährt der jeweilige Held, daß in einem anderen Land/Hoheitsgebiet Münzen von abweichendem Wert in Umlauf sind, wodurch sich ein neuer Spielraum für den Weiterverkauf eröffnet.
  • Schließlich wird die Flasche von einem verruchten Burschen erworben, dem die Aussicht, dem Teufel zu verfallen, nichts ausmacht, da er sich die Hölle ohnehin schon verdient hat.

Soweit die Übereinstimmungen. Wie das Ganze dann erzählt wird, ist allerdings höchst unterschiedlich - aber das versteht sich wohl von selbst. Wenn Flaschenpost von einem Ufer zum anderen treibt, ist das in gewisser Hinsicht ja immer ein Vorgang des Übersetzens. Der Baron de la Motte Fouqué ist nicht mehr der selbe, als er schließlich in der Südsee ankommt; ein Missionar auf Samoa übersetzte Stevensons Text ins Idiom des Landes, und so lebt Fouqués Galgenmännlein unter dem Titel "O le Fangu Aitu" fort. Daß zu jener Zeit, als Stevenson auf Samoa seine letzten Lebensjahre verbrachte, dort ausgerechnet preußische Kanonenboote kreuzten, darf aber nicht als Versuch gewertet werden, den Fouqué-Stoff heim ins Reich zu holen.

1 Robert Louis Stevenson: Der Flaschenkobold. In: Ders.: Der befremdliche Fall von Dr. Jekyll & Mr. Hyde und andere meisterliche Teufelsgeschichten. Aus dem Englischen neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Friedhelm Rathjen. Zürich: Haffmans 1998, S. 234-278. hier S.234 (und zwar fälschlicherweise ohne die beiden ersten Kommata).
2 Gerhard Schulz: Nachwort: Fouqué als Erzähler. In: Friedrich de la Motte Fouqué: Romantische Erzählungen. München: Winkler 1977, S.493-515, hier S.514.
3 Albert Ludwig: Dahn, Fouqué, Stevenson. In: Euphorion 17 (1910), S.606-624. -I. Sells: Stevenson and La Motte Fouqué: "The Bottle Imp'. In: Revue de littérarure comparée 28 (1954), S.334-343.
4 Gerhard Schulz: Kommentar. In: Fouqué, a. a. O., S.471-487, hier S.471 f.
5 Vgl. ebd.
6 Arno Schmidt: Pharos oder von der Macht der Dichter. In: Bargfelder Ausgabe 1/4. Zürich: Haffmans 1988, S.609-632, hier S.629.
7 Arno Schmidt: Fouqué und einige seiner Zeitgenossen. Biographischer Versuch. In: Bargfelder Ausgabe III/1. Zürich: Haffmans 1993, 5. 197.
8 Arno Schmidt: Die Meisterdiebe. Von Sinn und Wert des Plagiats. In: Bargfelder Ausgabe II/1. Zürich: Haffmans 1990. S.333-357, hier 5. 349.
9 Arno Schmidt, Fouqué und einige seiner Zeitgenossen, a. a. O., S.296.
10 Great Short Stories, Vol. 2: Ghost Stories (1906). Vgl. Dieter Gätjens: Die Bibliothek Arno Schmidts. Ein kommentiertes Verzeichnis seiner Bücher. Zürich: Haffmans 1991, S.240 (= Nr. 535).
11 Arno Schmidt: Tina oder über die Unsterblichkeit. In: Bargfelder Ausgabe I/2. Zürich: Haffmans 1986, 5. 165-187, hier 5. 179.
12 [Richard Mummendey:] Bibliographische Erläuterungen. In: Robert Louis Stevenson: Erzählungen. Üb. v. Richard Mummendey. München: Winkler 1960,S. 1097-1100, hier 5. 1099 f.
13 Vgl. Roger G. Swearingen: The Prose Writings of Robert Louis Stevenson. London: Macmillan 1980, S. 144.

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